„AI Anxiety“ – siegt Optimismus oder Pessimismus?

Letztes Jahr war die KI-Stimmung noch besser, doch inzwischen werden die Untergangspropheten lauter. Ist das Ende nah? Von etwaigen Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine bis hin zu den Zukunftsaussichten für Weltstädte wie New York und Singapur – niemand kann aktuell vorhersagen, was KI in Zukunft leisten wird. Die Warnung vor der Übernahme aller Bürojobs innerhalb weniger Jahre klingt allerdings eher alarmistisch, meint Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management.
22. Februar 2026
Mark Dowding - Foto: © RBC BlueBay AM

Letztes Jahr war die KI-Stimmung noch besser, doch inzwischen werden die Untergangspropheten lauter. Ist das Ende nah? Von etwaigen Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine bis hin zu den Zukunftsaussichten für Weltstädte wie New York und Singapur – niemand kann aktuell vorhersagen, was KI in Zukunft leisten wird. Die Warnung vor der Übernahme aller Bürojobs innerhalb weniger Jahre klingt allerdings eher alarmistisch, meint Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management.

Fallende Aktienkurse zu Beginn der Woche führten zu höheren Treasury-Gewinnen. Im Laufe der Woche kehrte sich diese Preisentwicklung jedoch um, sodass die US-Renditen weiterhin komfortabel innerhalb der jüngsten, wenig volatilen Handelsspanne liegen. Unterdessen hat sich die Kurve der US-Staatsanleihen in den letzten Wochen etwas abgeflacht, was der Konsenspositionierung der Anleger zuwiderläuft, da es keinen neuen Katalysator gibt, der die Kurve weiter steiler werden lässt.

Wie wir bereits zuvor festgestellt haben, ist eine deutlich steilere Zinsstrukturkurve nur in einem Szenario wahrscheinlich, in dem die Fed die Zinsen aggressiver senkt, als es die Märkte derzeit einpreisen. Da jedoch das Protokoll der Fed-Sitzung dieser Woche Fragen hinsichtlich einer zusätzlichen Lockerung der Geldpolitik aufwirft, gehen wir davon aus, dass sich die Markterwartungen hinsichtlich zweier Zinssenkungen durch die US-Notenbank im Jahr 2026 nur aufgrund signifikanterer Korrekturen der wirtschaftlichen Entwicklung anpassen werden.

Da sich die allgemeinen Bewertungsniveaus derzeit kaum verändern, konzentriert sich das Augenmerk der Anleger in letzter Zeit vor allem auf die Aktien- und Anleihemärkte, während die KI-Debatte weiterhin die Diskussionsforen dominiert. Verschärft wurde sie in den letzten Wochen durch den Essay „The Adolescence of Technology” von Dario Amodei, CEO von Anthropic, aus dem Januar. Er sieht die Zivilisation bedroht und fürchtet gravierende Umbrüche, wenn KI-Plattformen in den nächsten ein bis fünf Jahren möglicherweise einen Großteil der Bürojobs ersetzen werden.

Der Essay und die danach angekündigten Fortschritte bei Claude Code haben eine existenzielle Debatte über einen bedeutenden Teil des Software-Sektors ausgelöst, der im letzten Monat rund zwei Billionen US-Dollar im Marktkapitalisierung eingebüßt hat.

Derzeit wird spekuliert, dass sich der Stellenabbau in allen Bereichen der Professional Services beschleunigen wird, was die Nachfrage in allen möglichen Wirtschaftssektoren beeinflussen wird. Sogar die Zukunft von Städten wie London, New York oder Singapur steht in Frage, da sie besonders stark von Dienstleistungsarbeitsplätzen abhängig sind.

Angesichts dieser neuen düsteren Einschätzungen haben wir allerdings den Eindruck, dass der KI-Pessimismus zum Teil übertrieben ist. Möglicherweise spiegelt die Stimmung auch das miserable Winterwetter wider. Nichtsdestotrotz haben wir es mit einem sehr unsicheren und schwierigen Investmentumfeld zu tun, und die Bewertung bewegen sich auf relativ hohem Niveau.

Letztlich könnte sich die Nutzung von KI zu einem wichtigen disinflationären Motor entwickeln. Es ist jedoch möglich, dass wir dafür noch für einige Zeit keine Anzeichen sehen werden.

Aufgrund dieser makroökonomischen Unsicherheiten behalten wir einen neutralen Ausblick für US-Staatsanleihen und Investment-Grade-Unternehmensanleihen bei. In Europa halten wir niedrigere Inflationsraten in naher Zukunft für wahrscheinlicher. Bundesanleihen dürften sich dabei eher seitwärts bewegen, da steigende Militärausgaben die Staatshaushalte und das Angebot an Staatsanleihen belasten. Wir erwarten, dass die EZB an ihrer geldpolitischen Linie festhält – die Frage, wer auf Christine Lagarde als EZB-Präsidentin oder ‑Präsident folgen wird, dürfte die Diskussionen und Spekulationen deutlich stärker anfachen.

Ausblick

Wir halten das Risiko vorerst auf moderatem Niveau. Die Märkte scheinen sich seitwärts zu bewegen. Das verdeckt jedoch die darunter liegende teilweise extreme Volatilität.

Es wäre keine große Überraschung, wenn es in den nächsten Wochen zu einer etwas längeren Phase der Risikoaversion käme, bevor sich die Aktienmärkte auf einer solideren Basis bewegen, von der aus sie wieder Aufwärtsmomentum aufbauen können.

Daher würden wir eher weiter abwarten und unsere Positionen in Schwächephasen ausbauen. Bei Unternehmensanleihen gibt es aus unserer Sicht keinerlei Druck zum Kauf, da in den kommenden Monaten ein reichliches Angebot zur Verfügung stehen wird.

Um noch einmal auf das Thema KI zurückzukommen: Interessant waren Berichte, wonach Claude bei der Planung und Vorbereitung des US-Überfalls zur Festnahme von Diktator Maduro Anfang dieses Jahres zum Einsatz kam. Wäre es nicht schön, wenn man mit Claude ein Friedensabkommen ausarbeiten könnte, auf das sich Russland und die Ukraine endlich einigen könnten? Aber leider ist der Frieden im Donbass so schwer zu erreichen wie eh und je.

Darüber hinaus gibt es auch Bedenken, wie KI in den kommenden Jahren Schaden anrichten könnte. Denn diese Technologie, wie alle Technologien, kann sowohl für gute als auch für schlechte Zwecke eingesetzt werden. In seinem Artikel der „Black Seas of Infinity” stellt Amodei Überlegungen über einige der indirekten Auswirkungen an, die sich daraus ergeben, dass die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen eines ganzen Jahrhunderts in einem einzigen Jahrzehnt stattfinden – eine nicht gerade erbauliche Lektüre.

Es ist auffällig, dass einige der großen KI-Denker unserer Zeit ein Bild zeichnen, in dem wir uns auf einem nihilistischen Weg in eine dystopische Zukunft befinden, in der die Menschheit jeglichen Sinn verloren hat. Aber solche Untergangsprophezeiungen sind aus unserer Sicht sicherlich übertrieben. Diese Ideen spiegeln wahrscheinlich eher die Denkweise von Technikfreaks wider, die zu viel Zeit hinter ihren Bildschirmen und in der Welt der Fantasie und Science-Fiction verbringen, anstatt in der realen Welt.

Trotzdem ist es keine Lösung, bei KI eine Pause einzulegen. Wir müssen lernen, Veränderungen anzunehmen und uns daran anzupassen, und glücklicherweise sind Menschen sehr gut darin. Aus Sicht der Finanzmärkte gibt es jedoch eine klare Erkenntnis: Die Stimmung in Bezug auf KI war im Jahr 2025 allgemein optimistisch. In der aktuellen Lage sind die Dinge viel differenzierter und schwieriger.

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